Miljo Baltow malte den „lebendigsten Engel“ in den Kirchen Bulgariens

Samstag, 7 März 2026, 16:05

Miljo Baltow (1871 - 1951)

Miljo Baltow (1871 - 1951)

FOTO Historisches Museum Streltscha

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Ikonenmaler und Lehrer – diese beiden Begriffe fallen unweigerlich, wenn man versucht, einen Künstler aus der Vergessenheit der Vergangenheit zurückzuholen, der seine ersten Schritte in der Kunst in den Anfangsjahren nach der Befreiung Bulgariens im Jahr 1878 machte. Ein solcher Künstler ist Miljo Marinow Baltow, dessen heilige Gestalten auf Kirchenaltären und beseelte Porträts in Galerien bis heute von einem würdigen Bulgaren zeugen, der seine schöpferische Leidenschaft zwischen kirchlicher und weltlicher Malerei teilte. 

Als Nachfahre eines der angesehensten Geschlechter von Streltscha – der Familie Baltow – zeigte der 1871 geborene Künstler schon als Kind eine ausgeprägte Begabung für die Künste. Auf eine akademische Ausbildung musste er jedoch bis zu seinem 25. Lebensjahr warten. Erst durch die Anstrengungen von Intellektuellen und Künstlern wie Konstantin Welitschkow, Jan Mrkvička und Anton Mitow wurde in Bulgarien die Staatliche Zeichenschule gegründet. Zwar gehörte Baltow nicht zu den 48 Studenten des ersten Jahrgangs, doch ein Jahr später führte ihn das Schicksal mit Jaroslav Věšín zusammen. 

Im Unterschied zu vielen jungen Bulgaren, die nach der Befreiung ins Ausland gingen, um ihr künstlerisches Talent an europäischen Universitäten zu vervollkommnen, fand Miljo Baltow Europa in seiner Heimat. 

„Jaroslav Věšín war gerade erst nach Bulgarien gekommen“, erklärte Nikoleta Petkowa, Direktorin des Historischen Museums in Streltscha. „Er brachte den Geist der neuen Zeit und neue Ideen aus Europa mit. Miljo Baltow hatte das Glück, bei dem tschechischen Maler zu studieren, der den zweiten Jahrgang der Staatlichen Zeichenschule übernahm. Der Schüler eignete sich die Lehren seines Professors außerordentlich gut an.“ 

Auch Miljo Baltow blieb von der militärischen Mobilmachung und dem Fronteinsatz nicht verschont. Wie viele seiner Kollegen nahm er am Balkankrieg teil und entfaltete in dieser schicksalhaften Zeit sein Talent als Landschaftsmaler.  

„Die Stellung bei Siwri Tepe“

FOTO Historisches Museum Streltscha

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass er auch am Ersten Weltkrieg beteiligt war. Er hielt sich in Moravski Leskovac auf, wo er eine Schule gründete und zum Bezirksvorsteher ernannt wurde. „Selbst in Kriegszeiten fand der Künstler einen Weg, Kinder zu unterrichten und seinem geliebten Beruf nachzugehen“, betonte Petkowa. 

Seiner Heimatstadt diente Miljo Baltow auch als Bürgermeister – 1923 übernahm er dieses Amt in Streltscha. Sein Lebensweg war jedoch kein Einzelfall im Bulgarien der Nachbefreiungszeit. 

„Dieser aufklärerische Geist verschwindet nach der Befreiung nicht, im Gegenteil“, sagte Nikoleta Petkowa. „Die meisten Menschen gaben ihr Möglichstes, um ihrer Heimat zu helfen. Miljo Baltow beteiligte sich aktiv am kulturellen Leben von Streltscha, entwarf sogar Bühnenbilder für Theateraufführungen, die leider verloren gegangen sind. Neben seiner Tätigkeit als Bürgermeister und Gemeindesekretär wurde er auch zum Kirchenvorsteher gewählt.“ 

FOTO Historisches Museum Streltscha

Der Künstler aus Streltscha schuf Wandmalereien und Ikonen für zahlreiche Kirchen, deren repräsentatives Erscheinungsbild nach der Befreiung besondere Aufmerksamkeit erhielt. In der Kirche „Himmelfahrt Christi“ im Dorf Kadijewo bei Plowdiw gestaltete er die eindrucksvolle Szene des „Letzten Abendmahls“. In der Kirche „Mariä Entschlafung“ in Pasardschik malte er die wundertätige Ikone „Heilige Gottesmutter mit dem Kind“, der viele Familien die Geburt von Kindern zuschreiben. In seiner Heimatstadt wiederum schuf er den wohl lebendigsten Engel, der je auf bulgarischem Boden gemalt wurde. 

„Das Recht, Kirchen auszumalen, erhielten nur Absolventen des dreijährigen Studiums an der Staatlichen Zeichenschule, die anschließend auch die Ikonenmalschule besucht hatten“, erinnerte Nikoleta Petkowa. „So war es auch bei Miljo Baltow, der seinen ersten Auftrag für unsere Kirche ‚Heiliger Erzengel Michael‘ erhielt. Eines seiner besten Werke ist die Ikone des Erzengels Michael an der Ikonostase – eine kraftvolle Darstellung in Bewegung, mit flammendem Schwert, Schild und farbenprächtigen Sandalen. 

FOTO Historisches Museum Streltscha

Während die Heiligen in Baltows sakraler Malerei idealisierte menschliche Züge tragen, entlehnt er in den Porträts seiner nächsten Angehörigen Formen aus einer geistigen, fast ätherischen Sphäre, die sie dem Göttlichen annähert. Deshalb scheint aus den Porträts seiner vier Kinder ein engelsgleicher Glanz zu strömen. Besonders eindrucksvoll ist das Bild seiner Tochter Newena: Ihr nachdenkliches Gesicht, der Blick leicht am Betrachter vorbei, erinnert an einen Boten aus einer höheren Welt mit einer wichtigen Botschaft. 

FOTO Historisches Museum Streltscha

Miljo Baltow starb 1951 in Plowdiw, wohin er in seinen letzten Lebensjahren seine Tätigkeit als Lehrer und Künstler verlegt hatte. 

„Er arbeitete in einer äußerst spannenden Zeit, als der junge bulgarische Staat begann, seine eigenen Künstler hervorzubringen“, betonte Nikoleta Petkowa. „Sie nahmen bereits an Ausstellungen teil, und die Kunst erreichte insgesamt ein sehr hohes Niveau. Miljo Baltow war Teil dieses Prozesses. Es ist wichtig, öfter über solche Menschen zu sprechen – über Künstler, die in ihren Heimatorten in Erinnerung geblieben sind, denen aber leider der gebührende Platz in der Geschichte der bulgarischen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts verwehrt blieb. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov 

Gestaltet von Lyubomir Kolarov