Autor
Wichra Baewa
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Sonntag 1 März 2026 08:55
Sonntag, 1 März 2026, 08:55
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Der 1. März ist eines der beliebtesten Daten im bulgarischen Festkalender. Er markiert die Annäherung des Frühlings und ist Anlass für Verwandte und Freunde, einander Martenizen zu schenken – traditionelle Amulette aus ineinander gedrehten weißen und roten Fäden. An diesem Tag werden die dunklen Winterkleider von Jung und Alt mit den leuchtenden Farben der Martenizen geschmückt, die Hoffnung auf Gesundheit und Freude bringen.
Die Marteniza ist zugleich ein Zeichen der Verehrung für Baba Marta – eine alte heidnische Gestalt, die ihren Reiz bis in die Gegenwart bewahrt hat. In den traditionellen Vorstellungen wird sie mit dem weiblichen Prinzip verbunden – wegen ihres wechselhaften Wesens, aber auch wegen ihrer Kraft, die Natur, die eben noch im tiefen Winterschlaf lag, zu neuem Leben zu erwecken.
Nur wenige Menschen heute sind sich bewusst, dass die Marteniza neben einem beliebten Geschenk und einem schönen Schmuckstück ein Symbol mit uralter Bedeutung und magischer Kraft ist. Der 1. März gilt als Grenze zwischen Winter und Frühling und wird sinnbildlich als Übergang von Tod zu Leben, von Unfruchtbarkeit zu Fruchtbarkeit und Geburt gedeutet. Diese Zeit gilt daher als gefährlich, zugleich aber auch als günstig, um Gesundheit, Wohlstand, Liebe und Ehe herbeizuwünschen. Die Symbolik der Marteniza ist daher zweifach: Sie schützt vor bösen Mächten, dem bösen Blick und Unglück und bringt zugleich Gesundheit, Kraft und Fruchtbarkeit.
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Unsere Vorfahren fertigten sie aus Wolle oder Baumwolle, wobei die klassische Kombination aus Rot und Weiß besteht. Es gibt jedoch auch andere Varianten: Blau und Weiß (meist für Jungen) oder Blau und Rot (typisch für einige Regionen wie die Gegend um Sofia und Melnik). Martenizen können auch einfarbig sein – ganz weiß oder ganz rot. In den Rhodopen sind bunte Martenizen mit mehrfarbigen Fäden verbreitet. Manchmal werden an den Enden der gedrehten Schnur Figuren eines Mannes und einer Frau aus Garn oder Wolle befestigt, bekannt als Pischo und Penda.
Heute werden Martenizen meist an der Kleidung getragen, ums Handgelenk gebunden oder als Halskette umgelegt. Früher jedoch wurden sie an verschiedenen Stellen des Körpers angebracht: an Fingern und Handgelenken, am Hals, an den Zehen, an den Ellenbogen unter den Hemdärmeln oder an der Taille unter dem Gürtel beziehungsweise in der Hose – bei Männern und Junggesellen. Diese Stellen wurden nicht zufällig gewählt: Es sind die Gelenke, die Körperteile verbinden und als schwach und gefährdet galten, weshalb sie den schützenden Zauber der Marteniza benötigten.
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Nach der Tradition werden Martenizen meist von älteren Frauen gefertigt, doch es gibt Ausnahmen: In manchen Gegenden stellten junge Mädchen Martenizen für ihre Geliebten als besonderen Liebesbeweis her. Martenizen wurden nicht nur Menschen, sondern auch Haustieren angelegt – damit sie gesund bleiben und sich im Laufe des Jahres vermehren.
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Die Farben Weiß und Rot werden gewöhnlich als Symbole des weiblichen und männlichen Prinzips, des Passiven und Aktiven, der Reinheit und der Lebenskraft gedeutet. Bezeichnend ist, dass diese Symbolik auch in der Hochzeitsritualik erscheint. Vielerorts werden Braut und Bräutigam beim Einzug in ihr neues Zuhause über einen roten Faden oder eine Marteniza geführt, die auf ihren Weg gelegt wird. Das Ineinander von Weiß und Rot zeigt sich auch in ihrer Kleidung: Die Braut trägt eine weiße Schürze und ist mit einem roten Gürtel umwunden, der Bräutigam trägt ebenfalls einen roten Gürtel und ein weißes Tuch. In diesem Sinne können Braut und Bräutigam als „lebende Martenizen“ betrachtet werden, während die Figuren von Pischo und Penda symbolisch für ein Brautpaar stehen.
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Die Verbindung der Marteniza mit Empfängnis und Geburt zeigt sich auch in bestimmten Volksritualen: So wird etwa eine Kirche mit einer Marteniza umgürtet, um eine glückliche Ehe oder eine Schwangerschaft zu erbitten, und die Windeln eines Neugeborenen werden mit einem aus roten und weißen Fäden gedrehten Band gebunden.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov
Gestaltet von Lyubomir Kolarov