Julia Neuhoff: Leben in Bulgarien zwischen Kulturen und Innovation

Eine Deutsche findet in einem bulgarischen Dorf ein Zuhause und verbindet Mutterschaft mit Arbeit im Bereich KI und Kunst

Samstag, 18 April 2026, 16:20

Julia Neuhoff

Julia Neuhoff

FOTO Privatarchiv

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In einem kleinen Dorf nahe der Stadt Pawlikeni, unweit der alten bulgarischen Hauptstadt Weliko Tarnowo, fernab vom Lärm der Großstadt, baut sich Julia Neuhoff ihre neue Welt auf – eine Welt, in der sich verschiedene Kulturen, Sprachen und berufliche Wege miteinander verweben. 

Geboren in Westdeutschland nahe der Grenze zu Frankreich, schlug sie zunächst einen klassischen Bildungsweg ein und studierte Europawissenschaften in Ostdeutschland. Doch ihr Leben nahm eine unerwartete Wendung.

„Meine Geschichte begann – wie bei den meisten Ausländern – mit der Liebe. Ich bin per Anhalter in den Iran gereist, und nur einen Monat nach meiner Ankunft in Bulgarien traf ich die Liebe meines Lebens – meinen Mann aus Pawlikeni. Seit inzwischen 10 Jahren leben wir im Dorf – unsere Kinder und die Familie meines Mannes halten uns hier. Damals gab es noch nicht so viele Möglichkeiten für Remote-Arbeit, deshalb begann ich als Deutschlehrerin, was mir sehr gefiel. Daraus entwickelte sich die Idee, ein Zertifikat als KI-Trainerin zu erwerben, das ich wiederum online in den USA absolvierte. So begann ich für eine deutsche Agentur zu arbeiten, für die ich Schulungen schreibe und weiterhin online erstelle.“ 

FOTO Facebook/Julia Neuhoff

Heute, zehn Jahre später, spricht Julia fließend Bulgarisch. Sie gibt zu, dass es nicht leicht war, die Sprache zu meistern: „Ich habe mehr als einmal geweint, während ich Bulgarisch lernte, aber ich habe viel Zeit, Geld und Mühe investiert, weil ich frei sprechen und mit den Menschen in Bulgarien kommunizieren wollte.“ 

Parallel zur Betreuung ihrer beiden Söhne und ihrer beruflichen Tätigkeit findet sie Inspiration auch im Improvisationstheater – einem Raum für Freiheit, Kreativität und die Fähigkeit, andere besser zu verstehen.

„Alles begann damit, dass ich in den sozialen Netzwerken eine Werbung für Impro-Theater sah und es ausprobieren wollte. Ich besuchte einen Workshop in Sofia auf Englisch. Danach beschloss ich, eine ähnliche Gemeinschaft auch hier in Weliko Tarnowo aufzubauen, weil das eine wunderbare Möglichkeit ist, mit Menschen in Austausch zu treten und verschiedene Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn man Impro-Theater macht oder etwas Kreatives, entwickelt man auch die Fähigkeit, anderen zuzuhören und aus ihrer Perspektive zu reagieren – man lernt, sich in andere hineinzuversetzen. Das ist eine sehr wertvolle Fähigkeit, besonders in unserer Zeit“, erklärte Neuhoff.  

FOTO Facebook/TAM

Ihr kreativer Impuls führte sie auch zur Entwicklung des ersten sogenannten „Wimmelbuchs“ in Bulgarien – ein detailreiches Buch mit Szenen aus dem bulgarischen Alltag, das sie ihren Kindern widmete, nach dem Vorbild ähnlicher deutscher Ausgaben. 

FOTO facebook.com/gamzhashta

„Wir haben zu Weihnachten ein Wimmelbuch aus Deutschland bekommen, und meinem Kind hat es sehr gefallen. Ich bin mit solchen Büchern aufgewachsen – sie sind großformatig, oft mit wenig oder ganz ohne Text. Die Idee ist, dass es in jeder Szene eine Figur gibt, und das Kind erzählt anhand der Bilder deren Geschichte. Ich habe danach in Bulgarien nach so einem Buch gesucht, aber keines gefunden. Deshalb beschloss ich, selbst eines zu machen – um auch den kleinsten Kindern, schon ab etwa einem Jahr, zu helfen, ihre Umgebung zu verstehen, indem sie die Bilder mit der realen Welt verbinden. Das regt auch Gespräche zwischen Eltern und Kindern an“, sagte Julia. 

Die junge Frau betont, dass – im Unterschied zu ihrem Heimatdorf in Deutschland – die Dörfer in Bulgarien lebendige Gemeinschaften und ein reiches soziales Leben bewahrt haben, was ihr besonders gefällt und ihr das Gefühl gibt, angekommen zu sein.

„Ich bin in einem Dorf in Deutschland aufgewachsen, aber was mir hier am meisten gefällt, ist das große Zentrum mit zwei kleinen Läden und vor allem, dass sich dort wirklich Menschen treffen – Junge und Ältere. Es gibt einen Rentnerklub, Bänke, einen Spielplatz, und dass immer Menschen da sind, gefällt mir sehr. Und etwas, das mich ebenfalls überrascht hat: Unser Dorf liegt ganz nah an der Natur. Es gibt viele Wälder, und man kann zum Beispiel eine Schildkröte auf der Straße oder im Garten sehen – das passiert in Deutschland nicht. Das sind meine liebsten Dinge an unserem Dorf“, erzählte sie. 

FOTO Facebook/Julia Neuhoff

Die Geschichte von Julia Neuhoff zeigt, dass das Leben oft unerwartete Wege einschlägt – und dass man irgendwo auf diesem Weg ein neues Zuhause, Sinn und ungeahnte Möglichkeiten finden kann. 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov