Autor
Diana Zankowa
Artikel
Wir hinken dem weltweiten Trend des lebenslangen Lernens hinterher
In zehn Jahren werden unsere heutigen Fähigkeiten durch neue ersetzt, doch nur 21 Prozent der Bulgaren bilden sich weiterhin fort
Montag 13 Juli 2026 08:28
Montag, 13 Juli 2026, 08:28
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Die Vorstellung, dass wir mit dem Abschluss eines Universitätsstudiums über Kenntnisse verfügen, mit denen wir bis zur Rente auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig bleiben, gehört der Vergangenheit an. Mit dem Aufkommen neuer Berufe, der Veränderung bestehender Tätigkeiten und der Entwicklung neuer Technologien ist es inzwischen notwendig, sich ständig weiterzuentwickeln. Andernfalls wird jemand mit besseren Qualifikationen unseren Platz einnehmen und damit unsere monotone Existenz mitsamt Routine, Bequemlichkeit und Illusionen verdrängen.
Nur 21 Prozent der Bulgaren lernen ihr Leben lang weiter. Das Problem dabei ist nicht der Mangel an Kursen, sondern der Mangel an Motivation. Hierzulande gilt das Hochschuldiplom als Endstation. Diese alarmierenden Feststellungen wirken wie ein Urteil, wenn man sie mit den etablierten Traditionen in Ländern wie Estland, Dänemark, Finnland und Luxemburg vergleicht, wo Weiterbildung und Umschulung sogar von Menschen über 60 Jahren praktiziert werden.
Magdalena Dimitrowa
FOTO Kostadin Krastew
„Wir haben eine Kultur, in der Eltern ihre Kinder bis zum Hochschulabschluss ausbilden lassen, doch danach verfliegt die Motivation zum Lernen“, sagte Magdalena Dimitrowa, Leiterin der Bildungsgruppe „Swetlina“, die vor Kurzem ein Expertenforum zum Thema Bildung organisiert hat. „Es stehen jedoch Veränderungen in absolut allen Branchen bevor. Und Menschen, die ihren Wettbewerbsvorteil bewahren wollen, werden ihr Leben lang lernen und sich an die Veränderungen der Welt anpassen müssen.“
Einer der Gründe, warum der globale Trend des lebenslangen Lernens Bulgarien nicht erreicht, ist wirtschaftlicher Natur, meint Magdalena Dimitrowa. Sie führt als Beispiel den IT-Sektor an, in dem Arbeitgeber weniger Wert auf ein Diplom als auf praktische Erfahrung legen. Ein weiterer Grund sei das Bildungssystem selbst – von der Grundschule bis zur Universität.
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„In Bulgarien ist das Bildungssystem sehr wettbewerbsorientiert“, erklärte Magdalena Dimitrowa. „Der Stress zu scheitern nimmt bei den Schülern mit jedem weiteren Schuljahr exponentiell zu, während gleichzeitig die innere Motivation zum Lernen immer weiter sinkt und am Ende der Bildungszeit vollständig erschöpft ist. Bereits Zweitklässler beginnen den Unterricht zu hassen, gehen nur widerwillig zur Schule, bauen enormen Prüfungsstress auf und reagieren sogar auf körperlicher Ebene mit gesundheitlichen Problemen.“
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft den Lehrerberuf; Immer mehr Lehrkräfte kommen erst als zweite berufliche Laufbahn in die Klassenzimmer. Nach Worten von Magdalena Dimitrowa ist dies zwar eine positive Entwicklung, andererseits bleiben viele von ihnen jedoch nur wenige Jahre im Bildungssystem. „Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen diesem Beruf zuwenden, denn die Schüler brauchen unterschiedliche Fachleute, die nicht nur theoretisches Wissen in einem bestimmten Fach besitzen, sondern auch praktische Erfahrung. Wenn sie ihre persönlichen Erfahrungen weitergeben, wird am schnellsten und mit der größten Motivation gelernt“, erklärte sie.
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ie können wir uns jedoch in einer Welt integrieren, in der sich Berufe innerhalb weniger Jahre verändern und die künstliche Intelligenz Einzug in Büros, Medien, Banken, die Verwaltung und Schulen hält?
„Tatsächlich entwickelt sich die künstliche Intelligenz mit außerordentlich hoher Geschwindigkeit und wird alle Branchen grundlegend verändern“, sagte Magdalena Dimitrowa. „Sie ist bereits in Bereichen wie Grafikdesign und Animation, Marketing sowie im Finanz- und sogar im Rechtssektor stark präsent. Dort kann das Junior-Niveau problemlos von KI übernommen werden. Und wenn die Menschen sich dessen bewusst werden, sollten sie dem nicht mit Angst begegnen, sondern mit Zuversicht, Optimismus und lebenslangem Lernen.“
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Magdalena Dimitrowa verweist auf Daten des jüngsten Weltwirtschaftsforums, wonach 72 Millionen Arbeitsplätze bis zum Jahr 2030 durch künstliche Intelligenz wegfallen werden, gleichzeitig jedoch rund 170 Millionen neue entstehen sollen. Eine weitere Schlussfolgerung des Forums lautet, dass die Hälfte der Kompetenzen, über die wir derzeit verfügen, vollständig durch neue ersetzt wird und das Diplom innerhalb von fünf bis zehn Jahren seinen Wert verlieren wird. „Die Kurve des Wandels ist sehr steil, aber wir müssen bereit sein, uns anzupassen“, fasste Magdalena Dimitrowa zusammen.
Vor diesem Hintergrund wirkt Bulgarien in Bezug auf das lebenslange Lernen erstaunlich gelassen, und viele Menschen sehen keinen Sinn darin, sich weiterzuentwickeln, weil sie nicht glauben, dass dies ihr Leben verändern wird.
FOTO Wirtschaftsuniversität Warna
„Wir sind nicht nur erstaunlich gelassen, sondern geradezu lethargisch“, betonte Magdalena Dimitrowa. „Für einen enormen Teil der jungen Menschen ist mit dem Erhalt des Diploms alles beendet. Nach dem Hochschulabschluss möchten die Vertreter der Generation Z nicht einmal in den Arbeitsmarkt eintreten und Berufserfahrung sammeln. Einer der Gründe dafür ist der Druck des Bildungssystems, denn sie sind die erste Generation, deren Programme bereits seit frühester Kindheit außerordentlich überladen waren. Sie hatten keine Zeit zum Spielen, weil der Unterricht bereits um 8.00 Uhr begann und sie nach der Ganztagsschule sehr häufig noch zusätzliche Kurse besuchten. Zu Hause warteten anschließend auf sie Hausaufgaben bis 22.00 oder 23.00 Uhr. Das Ergebnis ist, dass sie ihr Studium abschließen und sagen: ‚Lasst mich einfach in Ruhe!‘ Und wovon leben sie? In den meisten Fällen wohnen sie noch bei ihren Eltern, das heißt, ihr Verhalten wird vom familiären Umfeld unterstützt“, erläuterte Magdalena Dimitrowa.
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Dennoch verliert sie nicht die Hoffnung: „Die Generation Z ist rebellisch und wird den Wandel suchen. Ich hoffe, dass sie nach einer kurzen Pause mit neuer Kraft und jugendlicher Energie zurückkehrt.“ Außerdem werden die Veränderungen so intensiv sein, dass sie früher oder später buchstäblich über uns hereinbrechen werden und wir gezwungen sein werden, rasch zu handeln.
Übersetzung: Rossiza Radulowa
Gestaltet von Rossiza Radulowa