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Immer mehr Bulgaren und Ausländer entscheiden sich für das Leben auf dem Land

Die Ansiedlung ausländischer Bürger motiviert die Kommunen, die Infrastruktur und Lebensbedingungen in den Dörfern Bulgariens zu verbessern

Sonntag, 11 Oktober 2026, 11:20

Immer mehr Bulgaren und Ausländer entscheiden sich für das Leben auf dem Land

FOTO Gemeinde Stara Sagora

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„Aufs Land ziehen“ ist nicht nur der Titel einer Ausstellung im Nationalen Ethnografischen Museum – dahinter verbergen sich düstere Fakten, aber auch ein Hoffnungsschimmer. Und obwohl auf der demografischen Karte Bulgariens fast 200 entvölkerte Dörfer zu finden sind, beginnen zugleich Menschen, die vom Lärm und hektischen Rhythmus der Stadt genug haben, von einem ruhigeren und saubereren Leben zu träumen. Bulgaren im Ausland und Ausländer entdecken neue Rückzugsorte in den Bergen oder am Meer, während digitale Nomaden sich dort niederlassen, wo eine leichte Brise, sanftes Vogelgezwitscher und ein kräftiger Eselsruf die sie umgebende Landschaft erfüllen. 

Fotoausstellung im Nationalen Ethnografischen Museum

Fotoausstellung im Nationalen Ethnografischen Museum

FOTO BGNES

Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Ethnologie und Folkloristik der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften haben sich im Rahmen des Projekts „Der Nachbar aus Sofia, der Nachbar aus Deutschland, Kontraurbanisierung, soziokulturelle Interaktion und lokale Transformationen“ zum Ziel gesetzt, der Frage nachzugehen, ob kleine Ortschaften eine Chance auf neues Leben haben. Sie sind überzeugt, dass Stadt und Dorf nicht als Gegensätze, sondern als Symbiose betrachtet werden sollten, denn sie sind von der Antike bis heute miteinander verbunden. 

„Bulgaren im erwerbsfähigen Alter ziehen sehr häufig in Dörfer, die in der Nähe einer Stadt liegen. Gerade diese Nähe ist der Grund, warum sie sich für einen bestimmten Ort entscheiden. Das hängt häufig mit ihrer Arbeit zusammen, aber viele von ihnen arbeiten auch von zu Hause aus“, sagte Dr. Dessislawa Pilewa. 

Dessislawa Pilewa

Dessislawa Pilewa

FOTO BGNES

„Dass wir heute aus der Ferne arbeiten können, beschleunigt die Prozesse der Abwanderung aus der Stadt und macht das Dorf attraktiv und zeitgemäß“, ergänzt ihr Kollege Dr. Iwajlo Markow. „Natürlich ist die Infrastruktur für den Internetzugang sehr wichtig, denn es gibt Orte, an denen nicht einmal Mobilfunkempfang vorhanden ist. Wir sollten jedoch nicht verallgemeinern – manche Menschen kehren nach einem Versuch, auf dem Land zu leben, irgendwann wieder in die Stadt zurück und arbeiten wieder in der Unternehmenswelt. Die Dinge sind sehr dynamisch, wie alles, was uns umgibt.“ 

Während der Covid-19-Pandemie setzten die ersten Wellen der Abwanderung in die Dörfer ein. Auch viele im Ausland dauerhaft lebende Bulgaren kehrten zurück. Derzeit übersteigt die Zahl der Menschen, die nach Bulgarien kommen – sowohl Bulgaren als auch Ausländer –, die Zahl derjenigen, die das Land verlassen. Das bedeutet, dass mehr Menschen einwandern als auswandern. Was bewegt jedoch einen Teil dieser Menschen dazu, ihr neues Zuhause auf dem Land aufzubauen? 

Dorf Sitowo

Dorf Sitowo

FOTO BGNES

„Das Wichtigste ist – unabhängig von der finanziellen Situation, der beruflichen Verwirklichung oder dem Alter –, dass diese Menschen nach einer bestimmten Lebensweise suchen“, antworten die Wissenschaftler. „Das kann beispielsweise die Nähe zum Meer sein, etwa in Nordostbulgarien, wo Immobilien wesentlich günstiger sind als im Süden und es eine ländliche Umgebung gibt, die in dichter besiedelten Gebieten nur schwer zu finden ist. Ein weiteres Argument ist das gesündere Klima.“

Immer mehr Bulgaren und Ausländer entscheiden sich für das Leben auf dem Land

FOTO Marta Ros

In vielen Dörfern wird derzeit gebaut, gleichzeitig werden alte geerbte Immobilien renoviert und wieder bewohnbar gemacht. Die Tatsache, dass die neuen Bewohner häufig ihren Wohnsitz nicht ummelden, führt jedoch zu statistischen Verzerrungen bei der Erfassung des Prozesses der Kontraurbanisierung in Bulgarien. Auch die Vorstellung, das günstigere Leben auf dem Land sei ein entscheidender Anreiz für den Umzug, ist falsch. In Wahrheit muss man finanziell abgesichert sein, um es sich leisten zu können. Haus und Garten – alles erfordert Geld für die Instandhaltung. Außerdem sind mindestens zwei Autos notwendig, insbesondere wenn die Kinder in der nahe gelegenen Stadt zur Schule gehen müssen. Und wenn das Dorf in der Nähe einer größeren Ortschaft liegt, sind die Immobilienpreise stets höher. 

Dorf Balgari

Dorf Balgari

FOTO BGNES

Ein Teil der Menschen, die von den bulgarischen Dörfern angezogen werden, kommt aus dem Ausland. Viele von ihnen sind Rentner, die sich trotz niedrigerer Renten in ihrem Heimatland in Bulgarien einen höheren Lebensstandard leisten können. Am häufigsten handelt es sich um britische und deutsche Staatsbürger. Hinzu kommen neue Zuwanderer, vor allem an der Schwarzmeerküste, aus ehemaligen sozialistischen Ländern wie Polen und Tschechien. 

Immer mehr Bulgaren und Ausländer entscheiden sich für das Leben auf dem Land

FOTO BGNES

„Wenn zwischen den Neuankömmlingen und den Einheimischen keine Sprachbarriere besteht, verläuft die Anpassung leichter und natürlicher, und die Ausländer werden in die Gemeinschaft aufgenommen“, sagte Dr. Dessislawa Pilewa. „In der Regel sind sie mobiler, fahren ältere Bulgaren in die nahe gelegenen Städte, kaufen ihnen Medikamente und Lebensmittel. Die Bulgaren wiederum kümmern sich um ihre Gärten, wenn die Zuwanderer in ihr Heimatland reisen. Wenn jedoch eine Sprachbarriere besteht, entstehen starke Vorurteile – insbesondere aufseiten der Einheimischen gegenüber den Neuankömmlingen. Sie werden als kühl, kontaktscheu und zurückgezogen wahrgenommen, als Menschen, die – sofern eine solche Gemeinschaft besteht – in ihrer eigenen Gemeinschaft bleiben.“

Dorf Srednogorowo, Kasanlak

Dorf Srednogorowo, Kasanlak

FOTO BGNES

Die Ankunft ausländischer Bürger wirkt sich positiv auf die Ortschaften aus. Dies motiviert die Kommunalverwaltungen, die Infrastruktur in Dörfern zu verbessern, in denen es bis vor Kurzem nicht einmal eine einzige asphaltierte Straße gab. Die Kulturhäuser entwickeln sich zu Anziehungspunkten, und die Zugezogenen beteiligen sich häufig an zahlreichen künstlerischen Aktivitäten. 

„Es gibt verschiedene Wohltätigkeitsaktionen und kulturelle Veranstaltungen“, erzählte Dessislawa Pilewa. „Es findet ein aktiver Austausch zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen sowie saisonal dort lebenden Menschen statt, die einen kulturellen und sozialen Austausch ermöglichen. Diese ständige Bewegung ist die Grundlage für alles, denn sowohl Bulgaren als auch Ausländer bringen ihre Ressourcen, ihr Wissen und ihre Kontakte mit. Das ist besonders wichtig, wenn es um verschiedene Initiativen zur Entwicklung und Verschönerung des Dorfes geht.“

Immer mehr Bulgaren und Ausländer entscheiden sich für das Leben auf dem Land

FOTO BGNES

Die Ausstellung „Aufs Land ziehen“ ist noch bis Ende September in der Hauptstadt zu sehen. Anschließend wird sie an die Orte weiterreisen, an denen die Untersuchungen im Rahmen des Projekts durchgeführt wurden. Die Wissenschaftler wollen dort die Fotografien der Menschen zeigen, die zu den Forschungsarbeiten beigetragen haben. „Das ist eine gute Möglichkeit, den Dialog mit ihnen fortzusetzen und ihre Einschätzung zu unserer Sichtweise und unserer Arbeit zu hören“, erklärte Dessislawa Pilewa. Sie ist überzeugt, dass die Fotografien gerade bei diesen Menschen sehr viel mehr aussagen werden. +

Text: Diana Zankowa (Es wurde ein Interview mit Mariana Gantschewa aus dem Programm „Christo Botew“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks verwendet) 

Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov